Das Leben der Maria Maddalena Truppa

Um zu verdeutlichen, dass jedes Grab ein individuelles Schicksal darstellt, soll das Leben der einzigen Zivilarbeiterin aus Schleswig-Holstein beschrieben werden, die in Hamburg Öjendorf beerdigt ist.[27]

Am 19. Mai 1921 wurde Maria Maddalena Truppa in Asiero (Italien) geboren.[28] Wann genau ihre Eltern von Italien nach Frankreich verzogen sind, ist nicht mehr bekannt, doch 1942 musste der Vater von Maria Maddalena mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern Frankreich aus politischen Gründen verlassen und kehrte nach Italien zurück, wo der Sohn ein Internat besuchte. Maria Maddalena - die ältere der beiden Töchter - blieb in Frankreich, um die nötigen Familienangelegenheiten zu regeln. 1943 erhielten die Angehörigen den letzten Brief von Maria Maddalena durch das Internationale Rote Kreuz in Genf. Dies war zu diesem Zeitpunkt die einzige Möglichkeit, Nachricht von ihr zu erhalten.[29]

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Anscheinend hatte sie sich in Frankreich zunächst freiwillig um Arbeit bei den deutschen Besatzungstruppen beworben. Anfänglich arbeitete sie in der Nähe von Paris auf einem deutschen Luftwaffenstützpunkt in der Offiziersmesse. Hier lernte sie Bernhard J. kennen, einen deutschen Soldaten, der ebenfalls in der Offiziersmesse arbeitete.[30]

Im Februar 1944 versuchte sie erneut, die Familie zu erreichen, denn sie sollte zukünftig in Deutschland arbeiten. Am 3. März 1944 kam sie in Lüneburg an und wurde dort im Frauenlager "Legion-Condor-Straße" untergebracht.[31] Anfänglich arbeitete sie auf dem Fliegerhorst Lüneburg als Kellnerin in der Offiziersmesse. Durch Bombenangriffe der Amerikaner und Engländer wurde der Flugplatz beschädigt, und viele der dort stationierten Piloten wurden an die Front geschickt.

Auch Bernhard J. war im März 1944 mit nach Lüneburg gekommen und arbeitete weiterhin mit Maria Maddalena in der Offiziersmesse zusammen. Zwischen den beiden entwickelte sich eine Freundschaft. Da Maria Maddalenas Arbeitskraft im September 1944 auf dem Fliegerhorst nicht mehr benötigt wurde, bestand die Gefahr, dass sie - wie viele andere auch - zur Arbeit in einer Munitionsfabrik herangezogen werden würde. Die Eltern von Bernhard J. besaßen einen Bauernhof in Kleinjörl bei Flensburg. Er bot Maria Maddalena an, dort in der Landwirtschaft zu arbeiten, um die Fabrikarbeit vermeiden zu können.[32] Sie nahm das Angebot gerne an und wohnte nun auf dem Bauernhof der Eltern.

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Die Eltern von Bernhard J. waren sehr besorgt um Maria Maddalena. Die Familie verpflichtete sich den deutschen Behörden gegenüber offiziell, sie als Landarbeiterin anzustellen. Frau J. bemerkte schnell, dass die junge Italienerin schwanger war. Als Frau J. sie darauf ansprach, sagte sie anfänglich, dass Bernhard der Vater des Kindes sei. Die Mutter schrieb einen Brief an ihren Sohn, in dem sie ihm hiervon Mitteilung machte. Bernhard J. befand sich zu diesem Zeitpunkt in Ostpreußen. Auf den Brief seiner Mutter antwortete er, dass er auf keinen Fall der Kindsvater sein könne - er und Maria Maddalena seien zwar sehr gut befreundet, aber kein Liebespaar.

Nachdem Frau J. die Antwort ihres Sohnes erhielt, sprach sie Maria Maddalena erneut auf den Vater des Kindes an. Woraufhin Maria Maddalena gestand, dass ein deutscher Pilot der Vater des Kindes sei. Sie könnte sich aber nicht an ihn wenden, da er verheiratet sei und sich zudem zurzeit im Einsatz an der Ostfront befände. Frau J. bestand darauf, dass er ein Anrecht darauf hätte, von der Vaterschaft zu erfahren. Maria Maddalena erklärte sich bereit, ihm zu schreiben. Der Brief kam einige Zeit später mit dem Vermerk "Im Kampf für das Vaterland verstorben" zurück. Um die Witwe des Piloten nicht noch mehr zu belasten, beschloss Maria Maddalena, ihr keinen Brief zu schreiben.

Am 22. März 1945 brachte Maria Maddalena auf dem Bauernhof der Familie J. ihre Tochter zur Welt. An diesem Tag fanden schwere Bombenangriffe statt.[33] Bernhard J.s Schwester Käthe berichtet, dass man Maria Maddalena auf Wolldecken gelegt hatte, um sie - sollte eine Bombe einschlagen - so schnell wie möglich aus dem Haus tragen zu können. Die Familie J. nannte Maria Maddalenas Tochter Hannelore. Die Geburt war schwierig; Maria Maddalena erlitt einen Blutsturz, hatte sehr starke Schmerzen und bekam Kindbettfieber. In Kleinjörl gab es keinen Arzt, lediglich eine Dorfhebamme, die sich um sie kümmerte, doch konnte diese nicht viel tun. Die damals 17-jährige Käthe J. fuhr mit dem Fahrrad zum fünf Kilometer entfernten Militärarzt, der ihr nicht helfen durfte, denn Hausbesuche waren ihm verboten. Er händigte ihr aber schmerzlindernde Spritzen aus. Die Hebamme gab Maria Maddalena die Spritzen, die jedoch nicht halfen. Einige Tage nach der Geburt kam ein Arzt, der die Einwohner betreute; auch er konnte ihr nicht helfen.

Ende April brachte Käthe J. Maria Maddalena dann mit dem Milchwagen[34] nach Flensburg in das Diakonissenkrankenhaus, weil sich ihr Zustand immer mehr verschlechterte. Die anderen Krankenhäuser verweigerten eine Aufnahme, da sie entweder belegt waren oder keine Ausländer aufnahmen. Als Käthe J. Maria Maddalena im Krankenhaus besuchte, fragte sie nach dem Kind. Käthe J. berichtet, dass sie sich von Anfang an dem Kind gegenüber relativ distanziert verhalten hatte. Dies lag zum einen sicherlich daran, dass Maria Maddalena eine schwere Geburt hinter sich hatte und es ihr sehr schlecht ging, zum anderen lag es vermutlich auch daran, dass Maria Maddalena streng katholisch war und es für sie schwierig war, sich einzugestehen, ein uneheliches Kind zur Welt gebracht zu haben.[35]

Am 24. Mai 1945 starb Maria Maddalena im Diakonissenkrankenhaus in Flensburg an Kindbettfieber. Ihre Beerdigung fand am 30. Mai 1945 auf dem Flensburger Friedhof statt. Lediglich der Vater von Bernhard J. fuhr zu ihrer Bestattung, die anderen Familienmitglieder konnten den Bauernhof nicht verlassen und mussten in Kleinjörl bleiben. Die Eltern von Bernhard J. waren Freunde von Maria Maddalena geworden, und sie kümmerten sich nach ihrem Tod um die kleine Hannelore[36], als wäre es ihr eigenes Kind.

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Während ihrer Zeit auf dem Bauernhof der Familie J. hatte Maria Maddalena vergeblich versucht, Kontakt zu ihrer Familie aufzunehmen, und vermutete, dass sie ums Leben gekommen sei. Dieses war auch der Grund, warum die Familie J. nach Kriegsende nicht versuchte, Kontakt mit der Familie Truppa aufzunehmen. Doch Ende 1946 versuchte die Familie Truppa, die nach dem Krieg nach Frankreich zurückgekehrt war, mit Hilfe des Roten Kreuzes ihre Tochter zu finden. Bei dieser Gelegenheit erfuhr sie von ihrer Enkeltochter Hannelore. Im Jahre 1947 bemühten sich die Großeltern Truppa, Hannelore nach Frankreich zu holen. Frau J. - die die kleine Hannelore wie ihr eigenes Kind liebte - fiel der Abschied sehr schwer. Im Dezember 1947, kurz vor Weihnachten, holte das Rote Kreuz Hannelore ab, um sie zu ihrer Familie zu bringen. Erst im Mai 1948 - also nach fünf Monaten - kam sie dort an.

Es gab bei ihrer Ankunft zunächst natürlich ein paar Schwierigkeiten, denn Hannelore sprach nur deutsch, und ihre Großeltern sprachen nur französisch, sodass die Verständigung anfangs sehr schwierig war. 1951 kam Maria Maddalenas Bruder Gino Truppa nach Kleinjörl, um das Grab seiner Schwester zu besuchen und ihre persönliche Habe abzuholen.

Noch heute ist die Familie Truppa der Familie J. sehr dankbar, dass sie sich so liebevoll um Maria Maddalena und ihre Tochter gekümmert hat. "[...] moi-meme et de toute notre famille, nous ne trouvons les mots pour remercier ces personnes d'avoir pris soin de la petite".[37] In den ersten Jahren nach Kriegsende hatte die Familie noch Kontakt mit der Familie Truppa, sie schickte Fotos von Hannelore und berichtete von ihr. Doch dann verstarben Frau J., die Mutter von Maria Maddalena und kurze Zeit später der Vater, so dass der Kontakt abbrach.

Nach dem Tode seiner Eltern nahm Gino Truppa den Wunsch seiner Eltern auf und versuchte, die sterblichen Überreste von Maria Maddalena nach Frankreich zu überführen. Zunächst wandte er sich an den Friedhof in Flensburg; sehr überrascht erfuhr er dort, dass seine Schwester auf einen Hamburger Friedhof umgebettet worden war.[38] Daraufhin wandte er sich an das französische Konsulat in Hamburg, um herauszufinden, auf welchem Friedhof seine Schwester beerdigt sei. Das französische Konsulat konnte ihm nicht behilflich sein; er erhielt 46 Adressen von Friedhöfen in Hamburg. Gino Truppa schrieb an alle Friedhofsverwaltungen einen Brief, in der Hoffnung seine Schwester zu finden. Es dauerte zwei Jahre, bis er nach vielen negativen Antworten einen positiven Bescheid vom Friedhof Öjendorf erhielt, dass seine Schwester dort in der Italienischen Ehrenanlage begraben sei.

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Im Oktober 2002 wurde Maria Maddalena exhumiert und nach Frankreich überführt. Hier hat sie nun hoffentlich ihre letzte Ruhestätte im Familiengrab der Truppas gefunden. Die Tochter Hannelore lebt heute in Frankreich. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Eine Erinnerung an ihre Zeit in Deutschland hat sie nicht mehr; vieles weiß sie nur noch aus den Erzählungen ihrer Familie.[39]

Die Autorin

Janine Dressler, geboren 1971. Studium der Geschichte und Politik mit dem Abschluss Magistra Artium (M.A.). Tätig als freie Historikerin und Firmenbiografin. Erstellung wissenschaftlicher Gutachten für den Kreis Rendsburg/Eckernförde und die Stadt Geesthacht. Verschiedene Publikationen und regelmäßige Vorträge zu vielfältigen Themen.


[27] Am 30.9.1944 leisteten in ganz Schleswig-Holstein nur 96 italienische Frauen Zwangsarbeit.

[28] Die Verfasserin nahm an den Exhumierungen teil und lernte bei dieser Gelegenheit den Bruder der Verstorbenen kennen. Er schrieb seine Erinnerungen an Maria Maddalena auf und ließ sie der Verfasserin zukommen.

[29] Die Angaben für die ersten Jahre sind sehr vage und können nicht als absolut verlässlich angesehen werden.

[30] Die Verfasserin konnte die Schwester von Bernhard J. ausfindig machen und nahm Kontakt mit ihr auf. Am 21.1.2003 führte die Verfasserin ein Telefonat und am 24.1.2003 ein persönliches Gespräch mit Käthe J. und erfuhr in diesen Gesprächen weitere Einzelheiten über das Leben von Maria Maddelena während ihrer Zeit in Deutschland.

[31] Auskunft des StA Lüneburg vom 22.1.2003.

[32] Wie es Bernhard J. gelang, Maria Maddalena zu seinen Eltern zu bringen, damit sie dort arbeiten konnte, ist heute leider nicht mehr nachvollziehbar.

[33] In der Nähe des Bauernhofes befindet sich noch heute ein Luftwaffenstützpunkt.

[34] Der Wagen holte die Milch von den örtlichen Bauern ab und brachte sie zur Meierei.

[35] Dies war vielleicht auch der Grund, warum sie zunächst sagte, dass Bernhard der Vater des Kindes sei. Wer aber wirklich der Vater war, ist nicht mehr nachvollziehbar.

[36] Heute heißt Hannelore Anne Laure.

[37] Brief von Gino Truppa an die Verfasserin vom 13.1.2003.

[38] Die Umbettung fand am 25.9.1958 statt. Auskunft des StA Flensburg.

[39] Die Verfasserin teilte Gino Truppa mit, dass sie die Schwester von Bernhard J. ausfindig machen konnte. Er freute sich, etwas von der Familie J. zu hören; auch Käthe J. freute sich, etwas über die Familie Truppa zu erfahren. Beide wollen nun wieder Kontakt aufnehmen.