Mühbrook im April 1945

Eine Station auf dem "Evakuierungsmarsch"
von KZ-Häftlingen nach Kiel

(von Uwe Fentsahm)

Im Interesse einer Versachlichung der in Mühbrook aufgetretenen Diskussion [1] über Ereignisse, die sich vor mehr als 55 Jahren auf dem Gebiet der Gemeinde ereignet haben, halte ich es für notwendig, sich zunächst einmal den Stand der wissenschaftlichen Aufarbeitung zu vergegenwärtigen. Bereits im Jahre 1980 hat der Alvesloher Historiker Gerhard Hoch in seinem Buch "Zwölf wiedergefundene Jahre. Kaltenkirchen unter dem Hakenkreuz" über die Ereignisse berichtet (S.308-312). Darauf aufbauend und anhand weiteren Quellenmaterials aus Archivbeständen in London ging Detlef Korte 1991 in seiner Promotionsarbeit "`Erziehung`ins Massengrab. Die Geschichte des Arbeitserziehungslages Nordmark, Kiel-Russee 1944-1945" ebenfalls auf das Geschehen in Mühbrook ein (S.191-196). Auf diesen beiden Darstellungen beruhen die nachfolgenden Ausführungen. Es sei aber auch noch hingewiesen auf die autobiographische Erzählung von Hilde Sherman: Zwischen Tag und Dunkel. Mädchenjahre im Ghetto, Frankfurt a.M. 1984.

Die Vorgeschichte

Einige abbruchreife Teile des Zuchthauses in Hamburg-Fuhlsbüttel waren in der Zeit des Nationalsozialismus als Konzentrationslager ("Kola-Fu") und auch als Gefängnis der Geheimen Staatspolizei genutzt worden. Angesichts der drohenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg wurden im März 1945 konkrete Überlegungen angestellt, was mit den zahlreichen Häftlingen geschehen sollte: 13 Frauen und 58 Männer, die als besonders "schwere" Fälle bezeichnet wurden, kamen ins Konzentrationslager nach Neuengamme und erlitten dort im Strafbunker den Tod durch Erdrosseln. Über 800 Häftlinge sollten "evakuiert" werden. Ein Zehntel von ihnen wurde im Hamburger Hafen auf einen Frachter verladen, befürchtete ertränkt zu werden, wurde aber nach einer Fahrt durch den damaligen Kaiser-Wilhelm-Kanal in Kiel-Holtenau wieder an Land gebracht. Die Betroffenen wurden im Laufschritt durch die Stadt Kiel getrieben und im "Arbeitserziehungslager Nordmark" (AEL) in Kiel-Russee wieder interniert. Etwa 750 der "Kola-Fu"-Gefangenen wurden dazu gezwungen, in Gruppen von 100-200 Personen, zu Fuß nach Kiel ins AEL zu marschieren. Es handelte sich um Menschen, die schon vor dem Abmarsch völlig entkräftet und unterernährt waren. Als Marschverpflegung für vier Tage hatten sie jeweils ein halbes Kommissbrot und ein Stückchen Speck mitbekommen.

Die ersten Morde

Den vom Evakuierungsmarsch Betroffenen war gleich zu Beginn mitgeteilt worden, dass jeder am Wegesrand Zurückbleibende unweigerlich erschossen würde. Diese Drohung wurde dann bereits beim Betreten von schleswig-holsteinischem Boden in die Tat umgesetzt: Ein Häftling brach zusammen und wurde von einem SS-Mann erschossen. In der Ortschaft Ulzburg der gleiche Ablauf: Ein aus der Kolonne ausscherender Häftling wurde sofort erschossen, sein Leichnam blieb am Straßenrand liegen. Nach einem mehr als 20 km langen Marsch wurde in Kaltenkirchen übernachtet. Der Gastwirt Hüttmann und der Bauer Möller hatten einen Anbau bzw. eine Scheune zur Verfügung gestellt. Als "Abendbrot" gab es zwei Schubkarren voll mit Rüben. Am nächsten Morgen waren Josef Beck und Hugo Kockendörfer so entkräftet, dass sie nicht mehr aufstehen konnten. Sie wurden vom Wachmann Johann Hahn erschossen, während der Häftlingszug bereits Kaltenkirchen wieder verlassen hatte. Hahn eilte im Anschluss an seine Mordtaten auf einem Fahrrad hinterher. In der Nähe von Bad Bramstedt kam es zu einem weiteren Mord an einem der Häftlinge: Hamid Chamido soll in der Kaltenkirchener Scheune versucht haben, sich im Heu zu verstecken. Er war entdeckt worden und ist von dem Wachmann Karl Schütte (nach dessen Aussage aus dem Jahre 1947) im weiteren Verlauf des Marsches bei Lentföhrden "auf der Flucht erschossen" worden, obwohl gar kein Fluchtversuch vorgelegen hatte.

Die Morde in Mühbrook

Am Sonntag, dem 15. April, hatte eine Passantin in Einfeld im Straßengraben eine Leiche entdeckt. Anwohner berichteten dem Ortspolizisten Karl Höppner, dass die betreffende Person zu einem der Häftlingszüge gehört habe und von der SS-Begleitung erschossen worden sei. In der vorhergehenden Nacht war eine Gruppe des Transports in Mühbrook zum Übernachten in die Scheunen der Bauern Lüthje und Schurbohm einquartiert worden. Am darauffolgenden Morgen fehlten beim Appell wieder einige Gefangene. Einer der beiden Bauern stellte den SS-Männern Mistforken zum Durchsuchen des Heus zur Verfügung. Diese wurden fündig und der SS-Oberscharführer Hennings soll getobt haben: "Knallt es noch nicht? Ich will es knallen hören." Daraufhin machten sich zwei flämische SS-Leute ans Werk und erschossen den Deutschen Christian Berg und den Sowjetbürger Grigori Makarow. Nach einer anderen Aussage soll Hennings geschrieen haben: "Wenn es nicht gleich knallt, dann knalle ich." Somit könnte auch der Truppführer Hennings zum Mörder geworden sein. Berg und Makarow hatten zuvor vergeblich beteuert, sie hätten sich gar nicht verstecken wollen und seien vor Müdigkeit nach dem Wecken wieder eingeschlafen.

Der weitere Verbleib der Opfer

Den (auch heute in Bordesholm noch in guter Erinnerung befindlichen) Ortspolizisten Barglinski veranlassten die Morde in keiner Weise zum Einschreiten. Er berichtete dem Landrat in Rendsburg in einem Schreiben lediglich über die damals bestehende Gefahr der Erregung öffentlichen Ärgernisses: "Nach Aussage des Bauern Lüthje in Mühbrook erfolgte das Umlegen der Gefangenen auf der Ortsstraße vor seinem Gehöft im Beisein einer Anzahl Kinder und ausländischer Arbeiter. Unter der Bevölkerung herrscht deshalb eine große Erregung." Die beiden Toten wurden zum Tischlermeister Reese gebracht, der für eine "einfache Einsargung" und wohl auch für die Beerdigung auf dem Bordesholmer Friedhof sorgte.

Die Gemeinde Mühbrook zeigt sich diesen Ereignissen gegenüber inzwischen sehr offen und ist um eine ehrliche und umfassende Aufarbeitung der Geschichte bemüht. Nur so kann verhindert werden, dass auch in Zukunft immer mal wieder Gerüchte, Verdächtigungen und Spekulationen in dieser Angelegenheit geäußert werden.[2]


[1] Ein Ausschuss der Gemeindevertretung Mühbrooks hatte es einstimmig abgelehnt, für in Mühbrook ermordete KZ-Häftlinge eine Gedenktafel zu genehmigen (siehe Kieler Nachrichten vom 16.2.2001). Von einer Einwohnerin des Ortes, die erst vor kurzem von den lokalen Ereignissen am Ende des Zweiten Weltkrieges erfahren hatte, war eine entsprechende Textvorlage geliefert worden, die allerdings in keiner Weise den historischen Tatsachen gerecht wird.

[2] Die Gemeindevertretung hat die Beschlussfassung über eine Gedenktafel zurückgestellt, um zunächst einmal im Rahmen eines Arbeitkreises Ortsgeschichte den Versuch einer Aufarbeitung der damaligen Ereignisse zu unternehmen. Erfreulicher Weise gibt es auch noch Zeitzeugen, die bereit sind, an der Aufarbeitung mitzuwirken.