Das "Gemeinschaftslager Rumohr" (2. Teil)

Die Wahrnehmung der "Ostarbeiter" durch Flintbeker Zeitgenossen

von Uwe Fentsahm

Die Flintbeker Spurensucher haben 2003 durch die Befragung von Zeitzeugen eine sehr anschauliche Darstellung vom Leben der so genannten „Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen“ im Lager Rumohr erbracht: „Die Stadt Kiel baute 1941 in Rumohr-Rotenhahn ein Zwangsarbeiterlager, das die Flintbeker „Russenlager“ nannten. Das Lager bestand aus elf bis zwölf Baracken. In einer Baracke war eine Küche untergebracht mit anschließendem Gemeinschaftsraum, in den anderen waren Schlafsäle. Dort lebten junge Russen, so genannte „Ostarbeiter“. Es waren gefangene, zwangsverschleppte Frauen und Männer“, die mit dem Zug nach Kiel gebracht wurden, um dort [u.a.] für die Deutsche Werke Werft zu arbeiten: „drei, vier Güterwagen waren es, auf denen: ‚Nur für Ostarbeiter‘ stand.“

„Sie wurden ständig von bewaffneten Wächtern begleitet. An Sonn- oder Feiertagen konnten Zwangsarbeiter, die sich ‚gut geführt hatten‘, von Flintbekern für Gartenarbeiten, Holzsägen und andere Arbeiten ausgeliehen werden. Ihre Arbeit wurde mit einer ausreichenden Tagesverpflegung entlohnt. Wachleute brachten die Zwangsarbeiter zu den Auftraggebern. Wie die Arbeiter ‚gemietet‘ werden konnten, wissen die Spurensammler nicht genau: ‚Der Bahnhofsvorsteher Pohlmann hat sie rangeholt. Wir haben Pohlmann Bescheid gesagt und der hat das wohl dem Wachmann weitergesagt, der Zug kam ja jeden Tag vorbei.‘“

„Von Flintbek aus gingen die Zwangsarbeiter zu Fuß nach Rotenhahn. Die Kinder standen an der Straße, um sie zu begucken. ‚Wenn wir mal einen Kanten Brot hatten, gaben wir ihnen den. Das durften die Wachleute aber nicht sehen. Sie gingen den Lassenweg runter und dann den ‚Russenweg‘ runter bis zum Badeberg, wo eine Brücke, die Russenbrücke, für sie gebaut worden war. Sie verkürzte den Weg nach Rotenhahn.“

„Die Zwangsarbeiter trugen wattierte Jacken und schwere Stiefel mit Sohlen aus Leder und Filzschäften. Außerdem hatten sie ‚Fußlappen‘ statt Strümpfen an den Beinen. Fußlappen waren viereckige Tücher, die um die Füße gewickelt wurden, eine damals nicht unübliche Bekleidung. Männliche und weibliche Zwangsarbeiter waren von Weitem gar nicht voneinander zu unterscheiden. Sie trugen im Sommer wie im Winter die gleiche Bekleidung. Sie besaßen nur das, was sie am Leib trugen und hatten keine Kleider zum Wechseln. Da sie unter sehr schlechten sanitären Bedingungen leben mussten, ist den Spurensucherinnen ihr starker Geruch besonders in Erinnerung geblieben. ‚Wenn die an uns vorbeikamen, das war ein Gestank!‘ Ein Spurensucher erinnert sich, wie die Russen vor seinem Elternhaus, dem Bahnhofshaus, standen und schwermütige Lieder sangen. Die Familie schloss schnell die Fenster, damit keine Läuse und Flöhe ins Haus kamen. ‘Einmal waren zwei oder drei Ostarbeiter völlig besoffen. Da hieß es, die haben Methylalkohol getrunken.‘ Methylalkohol wurde für die Kompassherstellung gebraucht und sein Genuss ist lebensgefährlich. Er kann Erblindung, Lähmungen und Leberschäden zur Folge haben.“[1]

 

Gesa Stegelmann über das "Russenlager Rumohr"

„Ich erinnere mich gut an all die Gefangenen aus dem Russenlager am Rumohrer Weg, wo heute eine schöne Siedlung steht. Dort standen viele Baracken, in denen die Zivilgefangenen, Männer und Frauen, hausten. Morgens mussten sie zu Fuß nach Flintbek zum Bahnhof marschieren, entlang der Chaussee und über die ‚Russenbrücke‘ über die Eider und den Lassenweg entlang. Dort wurden sie in Güterwagen gesperrt und nach Kiel gebracht. Sie arbeiteten in Rüstungsbetrieben und bei den Werften. Abends genauso zurück. Ich weiß es noch genau, denn ich fuhr mit dem gleichen Zug nach Kiel zur Schule.“

„Am Sonntag zur Erntezeit, wenn die Arbeit in Kiel ruhte, konnte sich mein Vater Hilfskräfte aus dem Russenlager holen. Die Sonntagsdienste bei den Bauern waren bei den Gefangenen sehr begehrt, denn dort konnten sie sich einmal richtig satt essen. Wenn die Aufseher die Gefangenen brachten, sagten sie zu uns: ‚Gebt denen nicht so viel zu essen, das sind die nicht gewöhnt. Sonst sind sie morgen krank und können nicht arbeiten.‘ Es gab aber immer für alle das Gleiche. Zum Frühstück und Nachmittagskaffee bekam jeder sein Brotpaket aufs Feld gebracht. Gemeinsam saßen wir am Feldrand und haben gegessen. Jedoch haben die Gefangenen nicht mit uns gesprochen. Ich glaube, sie hatten wohl Angst vor uns. Sie trugen alle verschiedene Kleidung und rochen nicht besonders gut. Sicher war keine Gelegenheit für Körperpflege und Wäschereinigung.“[2]

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[1] Erlebte Geschichte: Spurensuche in Flintbek 1939 – 1950, Flintbek 2003, S.94.

[2] Ebd., S.95.