Das "Gemeinschaftslager Rumohr" (1. Teil)

Die Versorgung der Stadt Kiel mit Arbeitskräften 1941-1945

von Uwe Fentsahm

Über die Nutzung des Lagers schreibt Uwe Carstens: „Die auf diesem Gelände errichteten RAD-Baracken dienten der Unterbringung von Kriegsgefangenen (überwiegend aus Polen), die zum Arbeitseinsatz nach Kiel gebracht wurden.“[1] Den zweiten Teil des Satzes können wir bestätigen, doch für die Unterbringung von Kriegsgefangenen in diesem Lager fehlt die quellenmäßige Belegung. Es gab zwar das Kriegsgefangenen-Arbeitskommando 929, das war aber direkt in Rumohr in der alten Meierei untergebracht.[2] Es handelte sich um 28-30 Franzosen, die bei den örtlichen Bauern in der Landwirtschaft arbeiten mussten.

Zum „Gemeinschaftslager Rumohr“ gibt es im Landesarchiv in Schleswig einen sogenannten Form-96-Bogen[3] aus der Nachkriegszeit (um 1950), aus dem hervorgeht, dass das Lager aus 5 großen und 6 kleinen Holzbaracken bestand. Bei den Bewohnern soll es sich um 800 – 1000 Personen („Ostarbeiter“) gehandelt haben und es sei ein „Lager für freiwillige Arbeiter“ gewesen. Auch wenn dieser Hinweis so nicht richtig ist, kann man daraus doch zunächst einmal schließen, dass hier keine kriegsgefangenen Soldaten, sondern Zwangsarbeiter („kriegsgefangene Zivilisten“) untergebracht waren.

Im Catalogue of Camps and Prisons (CCP)[4] gibt es zwei Hinweise auf das „Gemeinschaftslager Rumohr“: Zum einen soll es sich um ein „Zivilarbeiterlager“ (CWC = Civilian Worker Camp) gehandelt haben mit „600 Russians“, die bei der Stadt Kiel und verschiedenen anderen Firmen beschäftigt wurden.[5] An anderer Stelle ist vermerkt, dass das Lager 740 Personen beherbergt habe und von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) beaufsichtigt wurde.[6] In seiner Dissertation von 2004 weist Jan Klußmann darauf hin, dass das Lager Rumohr mehrfach in den Fragebögen genannt wird, die er ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern zugeschickt und von vielen in beantworteter Form zurückerhalten hat.[7]

Die Spurensucher in Flintbek haben sich im Jahre 2003 auch mit dem „Gemeinschaftslager Rumohr“ beschäftigt und schreiben: „In und um Flintbek gab es mehrere Lager, in denen etwa 4.000 Zwangsarbeiter lebten.“[8] Diese Zahl ist nicht haltbar, denn die überlieferten Zahlenangaben dürfen nicht einfach addiert werden; sie beziehen sich in vielen Fällen auf ein und dasselbe Lager.[9] Im Großraum Flintbek gab es vier große „Zivilarbeiterlager“ (CWC): das DWK-Lager in Wattenbek (max. 550 Personen), das DWK-Lager in Flintbek (ca. 350 Personen),[10] das Wohnlager in Grevenkrug (Blumenthaler Berg mit ca. 500 Personen)[11] und das Gemeinschaftslager Rumohr (mind. 600 Personen).

 

Der Bericht des Kieler Unternehmers Josef Niehenker („Demolition Contractor“)

In der Nachkriegszeit wurden viele Betriebe von den Suchoffizieren der alliierten Besatzungsmächte angeschrieben und danach befragt, inwieweit sie während der Zeit des zweiten Weltkrieges Ausländer beschäftigt hätten. So war es auch bei dem Abbruchunternehmer Josef Niehenker aus Kiel (Königsweg 25), der 1946 sehr schnell die Zeichen der Zeit erkannt und den Briefkopf seiner Firma umgestaltet hatte: er nannte sich jetzt „Demolition Contractor“ und hoffte wohl dadurch auf vermehrte Aufträge durch die Besatzungsmacht: „Kriegsgefangene wurden von mir beschäftigt, Russen aus dem Lager Raisdorf (bei Kiel) und Ukrainer aus dem Lager Rumohr (bei Kiel). Die Arbeiter wurden morgens von meinen Polieren vom Bahnhof geholt und zur Arbeit gebracht und abends wieder zurück. Ich habe von den Gefangenen keine Papiere in meinem Besitz gehabt, da sie mir vom Lager nach Nummern aufgegeben wurden; und ich mit der Stadt Kiel auch eine Verrechnung in gleicher Weise vornahm.“[12]

Der Bericht des Kieler Unternehmers Josef Niehenker

Der Kieler Unternehmer hat höchstwahrscheinlich keine Kriegsgefangenen beschäftigt, denn deren Einsatz hätte er mit dem Kriegsgefangenen-Stammlager in Schleswig abrechnen müssen und nicht mit der Stadt Kiel. Diese war Betreiberin des „Gemeinschaftslagers Rumohr“ (ein CWC) und vermietete die Insassen des Lagers (Männer und Frauen) als Arbeitskräfte an interessierte Kieler Firmen. Für Herrn Niehenker ist offensichtlich nicht vorstellbar gewesen, dass auch Zivilpersonen aus Osteuropa ins Deutsche Reich gekommen sind. Für ihn waren das alles Kriegsgefangene. Lediglich bei den Menschen aus Westeuropa konnte er sich vorstellen, dass es sich um „Zivilarbeiter“ handeln könnte: „… teile ich Ihnen mit, dass bei mir nur wenige Dänen, Holländer, Franzosen und Belgier als Zivilarbeiter beschäftigt waren. Unterlagen und Auskünfte über die derzeit beschäftigten Ausländer kann ich Ihnen leider nicht mehr geben, da mir sämtliche Akten bei einem der letzten Angriffe verbrannt sind. Die Dänen sind fast alle schon im Jahre 1944 wieder in die Heimat gegangen, bis auf einen, der ziemlich bis zuletzt blieb.“[13]

Weiter


[1] Uwe Carstens: Das Lager Rumohr, in: Mitteilungen des Geschichtsvereins für das ehemalige Amt Bordesholm, April 1995 (Heft 5), S.15.

[2] Gerhard Hoch/Rolf Schwarz (Hrsg.): Verschleppt zur Sklavenarbeit, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Schleswig-Holstein, Alveslohe und Nützen 1985, S.185.

[3] Siehe hierzu Uwe Fentsahm/Nils Lange: Zwangsarbeit und Kriegsgefangenschaft im Amt Bordesholm 1939 - 1945, hrsg. vom Amt Bordesholm, 2016, S.14 f. und LASH Abt.415 Nr.3424 und 3425.

[4] Fentsahm/Lange (a.a.O.), S.15 f.

[5] Martin Weinmann (Hrsg.): Das nationalsozialistische Lagersystem (CCP), Verlag Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 1990, S.71.

[6] Ebd., S.487.

[7] Jan Klußmann: Zwangsarbeit in der Kriegsmarinestadt Kiel 1939 – 1945, Bielefeld 2004, S.284 ff.

[8] Erlebte Geschichte: Spurensuche in Flintbek 1939 – 1950, Flintbek 2003, S.94 und S.178.

[9] Ebd., S.178. So würde man fälschlicherweise allein für das „Gemeinschaftslager Rumohr“ auf mehr als 2.100 Personen kommen (600 + 740 + (800-1000)). Die Spurensucher vermuten in Wattenbek drei große Lager mit jeweils 460, 660 und 300 Insassen. Das sind aber drei verschiedene Zahlenangaben (aus der Nachkriegszeit), die sich alle auf ein und dasselbe Lager beziehen, nämlich auf das Wohnlager der Deutschen Werke Werft (Kiel) in Wattenbek, an der heutigen Schulstraße (siehe hierzu Uwe Fentsahm: Das Lager der Werft Deutsche Werke Kiel (DWK) in Wattenbek, in: Fentsahm/Lange (a.a.O.), S.98 ff.).

[10] Uwe Fentsahm: „HDW hat doch gar keine Zwangsarbeiter gehabt“. Hinweise auf Zwangsarbeiterlager der Deutschen Werke Werft – außerhalb Kiels, in: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte, hrsg. vom Arbeitskreis für die Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS), Heft 40 (2002), S.47. Onlineversion HDW.

[11] Irene Dittrich: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 – 1945, Frankfurt-Bockenheim, 1993, S.177.

[12] Arolsen Archives: Stadt Kiel Ordner 664, Seite 47.

[13] Ebd.