"HDW hat doch gar keine Zwangsarbeiter gehabt"
Hinweise auf Zwangsarbeiterlager der Deutschen Werke Werft
- außerhalb Kiels (von Uwe Fentsahm)[1]

Das obige Zitat stammt von dem ehemaligen Leiter der Personalabteilung der Howaldtswerke Deutsche Werft A.G. (HDW) in Kiel. Es handelt sich um eine Äußerung gegenüber dem Verfasser,[2] die deutlich machen sollte, dass es für HDW gar keine Veranlassung geben könne, sich mit finanziellen Mitteln am Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter zu beteiligen. Schließlich sei HDW erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden und habe sein Betriebsgelände damals vom Land Schleswig-Holstein käuflich erworben.[3] Dieses führende Mitglied der Geschäftsleitung hat offensichtlich - bewusst oder unbewusst - verdrängt, dass sich hinter der Firmenbezeichnung HDW auch die traditionsreiche Geschichte der Howaldtswerke und der Deutschen Werke Werft in Kiel verbirgt. Und diese beiden Werften haben im Zweiten Weltkrieg sehr wohl Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigt.

Die Konzernleitung von HDW hat letztendlich - wohl auf Druck der damaligen Muttergesellschaft Babcock-Borsig - einsehen müssen, dass eine derart abwehrende Haltung gegenüber der eigenen Firmengeschichte nicht mehr zeitgemäß ist und eventuell sogar geschäftsschädigend sein könnte. Deshalb ist zumindest Babcock-Borsig dem Entschädigungsfonds beigetreten. Es wäre aber wünschenswert, wenn auch HDW sich offener zu den Geschehnissen auf dem Werftgelände in den Kriegsjahren bekennen und diese vielleicht sogar von Historikern untersuchen lassen würde. Da dies bisher nicht geschehen ist, soll im Folgenden zunächst einmal an die Zwangsarbeiterlager der Deutschen Werke Kiel (DWK) außerhalb des Stadtgebietes erinnert werden. Die innerstädtischen Lager der DWK sind bisher auch noch nicht näher beschrieben worden, sie werden aber zumindest im tabellarischen Anhang einer neueren Staatsexamensarbeit erwähnt.[4] Der Verfasser derselben weist auf Seite XIX ausdrücklich darauf hin: "Lager außerhalb Kiels fehlen in der Aufzählung."

Zwei Ereignisse mit Folgewirkungen

Bei den britischen Luftangriffen auf Kiel in der Nacht vom 7. auf den 8. April 1941 waren zum ersten Mal zahlreiche Tote (88) und Verletzte bzw. Vermisste (184) zu beklagen. Noch verheerendere Ausmaße nahmen die Bombenangriffe in der Nacht vom 8. zum 9. April 1941 an: 125 Tote und 197 Verletzte oder Vermisste.[5]

Diese Zahlen haben insbesondere die Kieler Rüstungsbetriebe zum Nachdenken und Handeln veranlasst. Die Werften machten sich Sorgen um die Aufrechterhaltung der Produktion von kriegswichtigen Gütern. Sie wollten sich ihre Arbeitskräfte sichern und haben deshalb alles Mögliche unternommen, um innerhalb kürzester Zeit sowohl für die deutschen Betriebsangehörigen als auch für die ausländischen Zwangsarbeiter außerhalb Kiels Wohnunterkünfte aller Art zu errichten. Die Suche nach geeigneten Grundstücken wurde in erster Linie südlich des Nord-Ostsee-Kanals durchgeführt, da man damit rechnen musste, dass auch die Kanalbrücken im weiteren Verlauf des Krieges zerstört werden könnten. Ein weiteres wichtiges Kriterium für die Anlage von Wohnlagern war das Vorhandensein einer Bahnlinie und eines Bahnhofes (in fußläufig erreichbarer Nähe), um die zahlreichen Arbeitskräfte von und nach Kiel transportieren zu können.

Zur Einleitung

Suche nach Lagerstandorten
Das Lager in Wattenbek
Das Lager in Flintbek
Das Lager in Boksee
Das Lager in Rastorf
Die Lager in Raisdorf
Das Lager in Preetz
Das Lager in Gotenhafen
Anwerbung und Behandlung
von Zwangsarbeitern


[1] Die nachfolgenden Ausführungen sind bereits im Juli 2002 in den Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (ISHZ), hrsg. vom Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS), Heft 40, S.42-61 veröffentlicht worden. In der Zwischenzeit wurden lediglich einige wenige redaktionelle Änderungen sowie für das Lager Flintbek eine inhaltliche Ergänzung vorgenommen.

[2] Der Verfasser war am 29.Mai 2000 im Rahmen einer Weiterbildungsmaßnahme des IPTS zum Wirtschaft/Politik-Lehrer Gast bei HDW und konnte den Leiter der Personalabteilung in einer Kaffeepause zu seiner Meinung hinsichtlich eines Beitritts von HDW zum Entschädigungsfonds befragen.

[3] Die Mitarbeiterschulung bei HDW sollte dringend um den Bereich der eigenen Firmengeschichte erweitert werden, denn am 30.April 1955 verkündete das Amtsgericht Kiel: "Im Einvernehmen mit dem alleinigen Besitzer, der Bundesrepublik Deutschland, ist die Deutsche Werke Kiel Aktiengesellschaft ..... mit der Kieler Howaldtswerke Aktiengesellschaft durch Aufnahme verschmolzen worden." Die DWK-Aktiengesellschaft war damit erloschen. (Jörg Talanow: Kiel - so wie es war (2), Düsseldorf 1978, S.91)

[4] Jörg Tillmann-Mumm: Der 'Fremdarbeitereinsatz' in der Kieler Rüstungsindustrie 1939-1945, Kiel 1999. Hier werden im Anhang 109 "Wohnunterkünfte" von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen innerhalb Kiels aufgelistet. Davon wurden 9 Objekte von der DWK eigenverantwortlich oder zusammen mit anderen Werften und sonstigen Firmen betrieben.

[5] Kiel im Luftkrieg 1939-1945, Sonderveröffentlichungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd.13, Kiel 1980, S.132.